Ein Indianer kennt keinen Schmerz

Ein Indianer kennt keinen Schmerz

Kleine Kinder haben eine Strategie zur Bewältigung ihrer körperlichen und auch emotionalen und gefühlsbedingten Schmerzen. Sie schreien, weinen, geben sich dem Schmerz, welcher Art auch immer, zu 100 % hin. Dies dauert höchstens ein paar Minuten, dann ist der Prozess abgeschlossen. Integration in höchster Form. 

Die Rolle von uns Erwachsenen wäre ganz einfach. Nur da sein und nichts tun. Sie offen annehmen in ihrem momentanen Schmerz und zeigen, wir sind da und es ist gut was du machst. Wenn das Kind das Bedürfnis hat, in deine Arme zu sinken, dann lass das zu. Dies bedarf keiner Worte, keinen Trost, keinen Zuspruch wie „das wird schon wieder“, sondern nur ein offenes Herz und ehrliches Mitgefühl. Keine Belehrungen, keine Angst und keine Unterdrückung.

Da es kaum Erwachsene gibt, die gelernt haben, so mit Situationen umzugehen, sind wir auch schlechte Vorbilder, in dem was es heißt, mit Emotionen und Gefühlen umzugehen. Wir haben doch gelernt, „beruhige dich“, „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ usw. Wir Erwachsenen „fressen“ den Schmerz in uns hinein und nehmen Pillen um den Schmerz zu unterdrücken. Was in etwa bedeutet, beim Auto die Öllampe zu entfernen, wenn diese aufleuchtet. Lampe weg, Licht erloschen, Problem gelöst, oder?

Dieser Prozess den die Kinder zur Schmerzbewältigung machen, der ganz natürlich wie von selbst kommt, ist einfach zusammengefasst. Schmerz erkannt, Schmerz angenommen, dem Schmerz Aufmerksamkeit geschenkt, ihm alles gegeben zu 100 %, Schmerz ist zufrieden, wird weniger und löst sich auf.

Da wir allerdings gelernt haben, dass unser natürlicher Umgang falsch zu sein scheint, suchen wir einen neuen Weg. Ein Weg in dem wir mit unserem Schmerz umgehen können und gleichzeitig unser Umfeld zufriedenstellen. Und hier beginnt das große Problem. Wir wollen es allen und jedem recht machen. Wir begeben uns auf eine unendliche Suche nach Möglichkeiten und Strategien und verlieren uns selbst dabei völlig aus den Augen. Unsere Selbstwahrnehmung geht großteils verloren. Wir spüren zwar, dass irgendetwas nicht stimmt, haben allerdings immer sehr gute Erklärungen warum das so ist. 

Wir heutigen Erwachsenen sind immer noch auf der Suche des verlorenen Umgangs mit unserem Schmerz. Vor allem auf der Gefühlsebene scheint dies eine Never-Ending-Story zu sein. Dabei könnte es so einfach sein. Gefühl wahrnehmen – Gefühl annehmen – Gefühl ziehen lassen.

Das all dies Druck und Stress verursacht habe ich noch gar nicht erwähnt. Am Anfang ist es der Druck von Außen. Wir wollen unseren „Lieben“ gerecht werden. Mama und Papa entsprechen, Aufmerksamkeit, Anerkennung und ja, gar Liebe wollen wir. Dafür sind wir dann bereit, uns selbst zu verleugnen und alles zu tun, um dies zu bekommen. Zur Liebe reicht es dabei kaum. Denn Liebe braucht keine Bedingungen. Also geben wir uns dann mit Aufmerksamkeit und Anerkennung zufrieden. Diese bekommen wir in der Regel dadurch, dass wir anderen entsprechen wollen oder durch Leistungen. Dies führt in weiterer Folge zu dem Druck, den wir uns dann selbst auferlegen. Und dieser ist meistens der Heftigste. Kein Mensch legt uns die Latte so hoch, wie wir selbst es tun.

Wir beißen, nicht nur sprichwörtlich, die Zähne zusammen und jagen die Aufmerksamkeit und die Anerkennung. Wünschen würden wir uns allerdings Liebe. Diese bekommen wir damit nicht. Denn, ja genau, die wäre ja bedingungslos, ohne Bedingungen. Das würde heißen, ich müßte nichts tun, um geliebt zu werden. Ich müßte einfach nur sein, am besten ich selbst. Tiere und Babys zeigen uns das vor, sie sind Profis darin, „echt“ zu sein. Und dies erkennt man am Besten an den klaren, strahlenden Augen. Viele haben verlernt zu lieben, und vor allem, diese Liebe auch zu zeigen. Und übrigens ist es dann auch unmöglich, Liebe anzunehmen. Wenn wir wieder damit beginnen, unsere Liebe zu zeigen, und zwar bedingungslos, dann würde die Suche nach Strategien zum Bewältigen unserer Emotionen und Gefühle aufhören. Dann wären Gefühle wieder „in“, und auch, sie zu zeigen. Wenn es wieder „in“ ist, Gefühle zeigen zu dürfen, dann beginnen wir wieder aus dem Herzen heraus zu leben. Und dann geht alles wie von selbst. Denn das Herz weiß, was zu tun ist, es spürt es einfach.

Diese echte, wahrhaftige und bedingungslose Liebe beginnt immer bei uns selbst. Wenn wir beginnen, uns selbst wieder wahrzunehmen, zu spüren und ja, sogar zu lieben, dann sind wir auch in der Lage andere so zu nehmen wie sie sind, ihnen in Liebe zu begegnen.

R.B.